
Mein Pferd wird immer dicker – obwohl es gar nicht mehr frisst
Kennst du das?
Du hast das Gefühl, dein Pferd bekommt eigentlich gar nicht viel. Heu, vielleicht etwas Mineralfutter, ein bisschen Bewegung – und trotzdem wird es immer runder.
Während das Pferd nebenan scheinbar doppelt so viel frisst und dabei schlank bleibt.
Wie kann das sein?
Die einfache Antwort „Dann bekommt es eben zu viel Futter“ greift oft zu kurz. Denn wie sich das Gewicht eines Pferdes entwickelt, hängt von mehreren Faktoren ab: von der aufgenommenen Energie, dem tatsächlichen Bedarf, der Bewegung und den individuellen Eigenschaften des Pferdes.
Nicht jedes Pferd verwertet Futter gleich
Pferde sind keine Maschinen, bei denen dieselbe Futtermenge immer zum selben Ergebnis führt.
Manche Pferde sind leichtfuttrig und halten ihr Gewicht schon mit vergleichsweise wenig Futter. Andere benötigen deutlich mehr Energie, um ihren Körperzustand zu halten.
Auch Alter, Bewegung, Haltung und die Zusammensetzung des Raufutters spielen eine Rolle.
Ein leichtfuttriges Pferd kann deshalb mit einer Futterration zunehmen, die für ein anderes Pferd völlig passend wäre.
Und genau hier beginnt die Herausforderung:
Das Pferd sieht vielleicht nur ein bisschen zu rund aus – aber wie ausgeprägt ist das Übergewicht, und was steckt dahinter?
Heu ist nicht automatisch zu viel
Gerade beim Thema Übergewicht kommt schnell der Gedanke:
„Dann muss ich eben das Heu reduzieren.“
Aber so einfach ist es nicht.
Raufutter ist die Grundlage der Pferdefütterung. Pferde sollten ausreichend Raufutter aufnehmen können und nicht über lange Zeit ohne Futter dastehen. Gleichzeitig kann auch Heu mehr Energie liefern, als ein leichtfuttriges Pferd benötigt.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen:
- Welche Qualität hat das Heu?
- Wie viel bekommt das Pferd tatsächlich – einschließlich Weidegras und weiterer Futtermittel?
- Wie hoch ist der Energiebedarf?
- Wie viel bewegt sich das Pferd im Alltag?
- Welche zusätzlichen Futtermittel und Leckerli kommen dazu?
- Wie entwickeln sich Gewicht und Körperzustand über mehrere Wochen?
Erst wenn man diese Punkte gemeinsam betrachtet, lässt sich sinnvoll entscheiden, wo eine Anpassung nötig ist.
Bei deutlichem Übergewicht sollte die Fütterung so angepasst werden, dass das Pferd langsam und kontrolliert abnimmt, ohne dass die Raufutterversorgung oder die Nährstoffversorgung zu kurz kommt. Starke Futterrestriktionen auf eigene Faust sind keine gute Lösung.
Und was hat der Stoffwechsel damit zu tun?
Wenn ein Pferd zunimmt, obwohl die Fütterung auf den ersten Blick gar nicht außergewöhnlich erscheint, lohnt sich ein genauerer Blick auf die gesamte Situation.
Auch Stoffwechselerkrankungen wie das Equine Metabolische Syndrom (EMS) können eine Rolle spielen.
Aber: Ein rundes Pferd hat nicht automatisch EMS.
Ein ausgeprägter Fettkamm am Hals oder Fettpolster an bestimmten Körperstellen können Hinweise sein. Sie reichen allein jedoch nicht aus, um eine Stoffwechselerkrankung festzustellen. Dafür braucht es eine tierärztliche Untersuchung und gegebenenfalls gezielte Bluttests.
Wichtig ist außerdem: EMS ist nicht die einzige mögliche Erklärung für Veränderungen des Körperzustands. Deshalb sollte man nicht allein aufgrund des Aussehens eine Diagnose stellen.
Der Blick auf das gesamte Pferd
Ich finde es hilfreicher, nicht nur auf die Zahl auf der Waage zu schauen.
Wie gut lassen sich die Rippen ertasten? Wie verändern sich Rückenlinie und Hals? Wo lagert das Pferd Fett ein? Wie entwickelt sich seine Figur über mehrere Wochen?
Auch der Körperzustand lässt sich mithilfe eines Body Condition Scores einschätzen. Dabei wird nicht nur eine einzelne Körperstelle betrachtet, sondern die Fettabdeckung an verschiedenen Bereichen des Pferdes beurteilt.
Und vor allem:
Hat sich etwas verändert, obwohl Fütterung und Haltung scheinbar gleich geblieben sind?
Solche Beobachtungen sind wertvoll. Sie ersetzen keine Diagnose, helfen aber dabei, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und gezielt nach den Ursachen zu suchen.
Bewegung gehört ebenfalls dazu
Natürlich spielt auch Bewegung eine Rolle.
Ein Pferd, das sich im Alltag nur wenig bewegt, hat einen anderen Energieverbrauch als ein Pferd, das viele Stunden unterwegs ist.
Dabei geht es nicht darum, ein übergewichtiges Pferd möglichst hart zu trainieren.
Regelmäßige, zum Pferd passende Bewegung kann ein wichtiger Bestandteil des Gewichtsmanagements sein. Wie viel Bewegung sinnvoll ist, hängt allerdings auch vom Gesundheitszustand ab. Bei Verdacht auf Hufrehe oder bestehenden Schmerzen muss die Belastung unbedingt tierärztlich abgestimmt werden.
Bewegung beginnt nämlich nicht erst beim Reiten.
Auch Wege zwischen Futter- und Wasserstellen, Sozialkontakte und eine durchdachte Haltung können dazu beitragen, dass ein Pferd sich im Alltag mehr bewegt.
Was ich nicht machen würde
Ich würde bei einem übergewichtigen Pferd nicht einfach:
- die Heumenge drastisch reduzieren,
- sämtliche Futtermittel gleichzeitig streichen,
- irgendeinen „Stoffwechsel-Booster“ kaufen,
- eine radikale Diät starten,
- oder aufgrund des Aussehens selbst eine Erkrankung diagnostizieren.
Denn damit weiß man noch lange nicht, warum das Pferd zunimmt – und ob die gewählte Maßnahme überhaupt sinnvoll ist.
Erst schauen, dann verändern
Eine sinnvolle Fütterungsanpassung beginnt für mich deshalb mit einer Bestandsaufnahme.
Was bekommt das Pferd wirklich? Wie viel Raufutter nimmt es auf? Welche Qualität hat das Heu? Welche weiteren Futtermittel kommen dazu? Wie viel bewegt sich das Pferd? Und wie hat sich sein Körperzustand verändert?
Erst wenn man diese Dinge zusammen betrachtet, kann man entscheiden, wo man ansetzen sollte.
Denn das Ziel sollte nicht einfach heißen:
„Mein Pferd muss dünner werden.“
Sondern:
„Mein Pferd soll langfristig einen gesunden Körperzustand erreichen und dabei bedarfsgerecht versorgt sein.“
Und genau da wird Pferdefütterung spannend.
Wann sollte der Tierarzt draufschauen?
Wenn dein Pferd deutlich zunimmt, ungewöhnliche Fettpolster entwickelt oder du einen Verdacht auf eine Stoffwechselerkrankung hast, solltest du das tierärztlich abklären lassen.
Das gilt besonders, wenn bereits einmal Hufrehe aufgetreten ist oder du Veränderungen beim Laufen bemerkst. Bei akuten Anzeichen einer Hufrehe ist eine umgehende tierärztliche Untersuchung wichtig.
Eine Fütterungsberatung kann anschließend dabei helfen, Ration und Haltung genauer zu betrachten und mögliche Anpassungen zu planen. Sie ersetzt jedoch keine tierärztliche Diagnostik.
Quellen und weiterführende Informationen
- Merck Veterinary Manual – Equines Metabolisches Syndrom (EMS)
- Merck Veterinary Manual – Nährstoffbedarf und Körperzustand beim Pferd
- UC Davis School of Veterinary Medicine – Equine Metabolic Syndrome
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung oder Behandlung.